Als ich vor Jahren in die Welt des Internets eintauchte, wurde damit recht bald der Besitz einer Email-Adresse unabdingbar. Genauso wie bei Usernamen (siehe der gute Name) ist die Überlegung mit welchem Namen man anderen Menschen seinen Kontakt zur Verfügung stellen will immer eine lange – zumindest für einige. Alle anderen haben dann eine Adresse wie „sweetgirl86@…“.
Ich entschied mich wohl aufgrund jugendlichen Leichtsinns und in einem Moment geistiger Umnachtung für eine Adresse mit der ich mich schnell nicht mehr anfreunden konnte, bei der es mir sogar bald peinlich war sie weiterzugeben. Zum Glück sind die Angebote zusammen mit der Anzahl der eigenen Adressen gestiegen und man war bald nicht mehr darauf angewiesen bei Übergabe der Email die Worte vor dem @ erklären zu müssen. Ich weiß nicht, ob es die Nostalgie oder doch das Vertrauen auf den „offizielleren“ (weil damals mit Brief bestätigt und so etwas) Dienst ist, für einige Dinge benutze ich diese Account immer noch, so dass ich dort, genauso wie auf dem/n anderen, täglich meine Mails abrufe.
Nun hat vor einigen Jahren diese unüberlegte Wahl diesen Namens wohl dazu geführt, dass auch einige andere sich mit diesem identifizieren (sic!) konnten und ihn deswegen, bei meinem Anbieter, in leicht veränderter Form zu ihrem zu machten. Ich weiß nicht, ob der Herr, um den es geht, eine Zahl hinter diesem Wort hat oder inwiefern sich seine Adresse letztendlich von meiner unterscheidet, es scheint aber doch so große Ähnlichkeit gewährleistet zu sein, dass er entweder einmal oder öfters meine Adresse bei Anmeldungen oder Eintragungen angiebt oder auswählt.
Entweder hat er sie einmal falsch eingegeben und sie erscheint nun immer, wenn er die ersten Buchstaben tippt in diesem automatischen Auswahlfeld (das bei mir übrigens abgestellt ist), oder er macht einfach den gleichen Fehler immer wieder.
Vor einigen Jahren begann ich jedenfalls plötzlich unerwartete und unbekannte Mails zu bekommen. Einige davon waren Newsletter (französische Witze), einiges war Spam (plötzlich wurde ich mit türkischen Spam-Mails bombardiert „Selam, xxx@“). Nach einiger Zeit bekam ich heraus, dass der Grund dieser Mails der war, dass dort anscheinend jemand anders meinen Namen bei Webseiten eingab. Erst dachte ich, dass ihn vielleicht jemand als Platzhalter nutzte, doch als regelmäßig Anmeldungen bei kostenlosen Webdiensten und sogar kommerziellen Anbietern folgten, konnte ich bald von einem Versehen ausgehen.
Das Interessante daran ist, dass mein Mail-AlterEgo über die Jahre hinweg immer mehr Profil bekommen hat. Man könnte natürlich einwänden, dass ich mich hätte bemühen können, um den Herrn von seinem Misgeschick zu berichten. Das habe ich eins, zwei Mal versucht, wurde aber der Versuche schießlich müde und ganz davon abgesehen ist es sehr schwer jemandem eine Mail zu schreiben, der dauernd die eigene Mail-Adresse irgendwo angiebt, so dass man keine Ahnung hat wie man ihn kontaktieren soll.
Mein Alter Ego entdeckte mit den Jahren das Netz, meldete sich hier und dort an und hinterließ Passwörter (die mir zugeschickt wurden), Registration-Keys und schließlich sogar bei einer Anmeldung beim Quelle-Versand eine richtige Adresse. Ich hätte über diesen Account wohl, hätte ich gewollt, viele lustige Dinge an die Adresse meines Alter Egos senden können (und das auf seine Kosten). Ich ließ es natürlich. Einen Brief schreiben wollte ich dennoch nicht, denn ich gehe davon aus, dass jemand merkt, dass sein Account nicht funktioniert, oder er sich nicht einloggen kann. Die logische Folge wäre noch einen neuen Account zu erstellen. Ich löschte diese Mails jedenfalls und hoffte, dass der Herr sein Tun genauer bedenke.
Doch mit beeindruckender Regelmäßigkeit erhielt ich weitere Anmeldungen. So bin ich, trotz meiner Abneigung für diese Dienste, mit meiner Mailadresse inzwischen Mitglied bei Flirt-Websites, bei einigen sogar mehrere Male, und sonstigem Internet-Schmu.
Ich konnte verfolgen wie mein Alter Ego sich durch das Netz bewegte. Hier eine Bestellung, hier ein Versuch Kontakte zu knüpfen. Vor einiger Zeit erstellte er sogar einen Account bei diesem adultfriendfinder-Ding (ein Username mit Geburtsdatum 82 dahinter). Vielleicht lebt mein älterer Mail-Fight-Club-Brad-Pitt ja geheime sexuelle Phantasien aus und irgendwann entdecke ich, dass ICH es die gesamte Zeit war, der sich hier und dort einschrieb, die Liebe und die Körper suchte, seinen Sehnsüchten in schizophrenen Blackouts fröhnte und das alles mit diesem lange bereuten Namen.
Eins, zwei Wochen ist es her, da begann ich die Rundmails des Trainers (?) des Fußballvereins des VfL Kirchheim zu bekommen. Ich nahm mir ein Herz und schrieb diesem zurück, dass wohl eine Verwechslung vorliege (das habe ich zuvor bei privaten Mails für diesen herrn schon ein paar Mal getan). Der Trainer schrieb zurück, ob ich mir sicher und, ob ich nicht doch bei diesem Fußballverein tätig sei. Ich durchforstete meinen Kopf – selbst die toten Ecken. Nein, gut im Fußball war ich nie gewesen. Immer der zuletzt gewählte. Die Entfernung von Kirchheim war ein weiterer Anhaltspunkt, dass dies nicht sein könne. Selbst mein innerer Tyler Durden hätte diese nicht unbemerkt regelmäßig bewältigen können. So ging es insgesamt drei mal hin und her mit dem Trainer. Die letzte, dann doch recht kurze Mail unterschrieb ich mit „Mfg, C. S. (aus Berlin)“. Trotzdem bekam ich gestern wiederum Post. Wer also Interesse und eine Idee für die Sinnvolle Vergabe von 500 Freikarten für das „Freundschaftsspiel-Highlight am Dienstag, 22. Mai 2007 gegen Bundesligist TSV 1860 München“ des Vfl Kirchheim hat – melde sich bei mir. Ich trete dann einfach mit dem Herrn S. I. in Kontakt.
Gerade heute bekam ich wieder eine Mail. Sex ist vielleicht vorbei. Flirt auch. Quelle eh. Mein Alter Ego hat die Börse entdeckt. Er meldete sich MyOnVista an. Und das mit Vor und Nachnamen. Endlich kann ich ihn auch benennen.
Lieber Thomas Nicolai, hör mal zu. Der gleichnamige Entertainer bist du wohl nicht oder? Den Usernamen „Bankeramstart“ finde ich ganz witzig. Ich habe deine Anmeldungs-Mail trotzdem wieder gelöscht, denn ich möchte in deinem Namen keinen Unfug treiben. Das hätten andere schon oft tun können. Also pass ein bisschen auf, wenn du das nächste mal deine Email-Adresse irgendwo angiebst. Vielleicht lese ich nämlich ungewollt mit.
Gruß und Selam,
dein Alter Ego